Wir brauchen beides!

 

Vor einigen Woche haben Sir Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker ihre Einspielung aller neun Beethoven-Sinfonien veröffentlicht. Mit dem "Falter" sprach der Dirigent über die Unterschiede zwischen den Wiener und den Berliner Philharmonikern, über seine Freunde Alfred Brendel und Joseph Haydn und darüber, ob man die Rolling Stones noch braucht.
Carsten Fastner

Es waren zwar schon die Noten von Beethovens Sechster, die die Wiener Philharmoniker in den Großen Saal des Konzerthauses mitgebracht hatten – aber ausgerechnet die mit den Notizen zu Nikolaus Harnoncourts Dirigat von vor wenigen Wochen. Am Pult jedoch stand Sir Simon Rattle und wartete bestens gelaunt darauf, einigen Dutzend aus aller Welt eingeflogenen Journalisten seine Einspielung der neun Beethoven-Sinfonien mit dem österreichischen Spitzenorchester präsentieren zu können: mit einer Aufführung der "Pastorale" samt Pressekonferenz und öffentlicher Probe.

Ungewöhnlich viel Aufwand für eine CD-Präsentation. Doch immerhin: Rattle darf nicht erst seit gestern als Everybody's Darling der Klassikbranche gelten, die Wiener Philharmoniker nehmen immer noch für sich in Anspruch, über die Kenntnis des authentischen Beethoven-Klangs zu verfügen, und ein vollständiger Beethoven-Zyklus gilt nach wie vor als "die" sinfonische Messlatte für Dirigenten und Orchester. Zudem hatte auch schon die letzte Zusammenarbeit des britischen Pultstars mit den Wienern in Sachen Beethoven für großes Aufsehen in der Klassik-Welt gesorgt: Gemeinsam mit dem Pianisten Alfred Brendel spielten sie 1991 alle fünf Klavierkonzerte des Komponisten ein und ernteten damit frenetischen Jubel im Konzertsaal und hymnische Rezensionen in den Medien.
Abgesehen davon, dass auch der Sinfonien-Zyklus erwartungsgemäß außergewöhnlich gut ausgefallen ist, mag auch noch ein weiteres Detail den Aufwand erklären, den Rattles Exklusiv-Plattenfirma EMI und die Wiener Philharmoniker für die Präsentation der neuen CD-Box betreiben: Kurz nachdem beschlossen war, den Beethoven-Zyklus bei Live-Auftritten im Wiener Musikverein (Mai 2002) einzuspielen, unterschrieb Rattle seinen Vertrag als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker – dem anderen internationalen Spitzenorchester, das sich als Speerspitze der Beethoven-Interpretation sieht. Es kursierten sogar schon Gerüchte, der viel gefragte Dirigent könne den Zyklus womöglich in die deutsche Hauptstadt verlegen.
Doch bei den Berliner Philharmonikern ist man derzeit vor allem damit beschäftigt, sich mit dem neuen Chef als "Orchester des 21. Jahrhunderts" zu positionieren. Mit einer für ein kontinentaleuropäisches Eliteorchester seltenen Offenheit haben sich Rattle und seine Musiker auf die Suche nach neuem Publikum für die alte sinfonische Kunst gemacht: mit Aufführungen (wenn auch gemäßigt) moderner Musik, oder mit spektakulären Projekten wie einer Tanzaufführung von Strawinskys "Le Sacre du Printemps" mit 200 Berliner Jugendlichen (Rattle: "Lauter Teenage-Boys: ein Testosteron-Festival").
Genau mit dieser Art des offensiven Ausbruchs aus dem elitären Klassik-Betrieb hatte Rattle schon bei seinem vorigen Orchester Erfolg: Das City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO), dem der 1955 in Liverpool geborene Dirigent ungewöhnlich lange, von 1980 bis 1998, vorstand, wurde unter seiner Leitung vom achtbaren englischen Provinzorchester zu einem Ensemble, das für seine künstlerische Qualität ebenso wie für sein breites Repertoire vom Barock bis in die Gegenwart international gefeiert wurde.

 
Falter: Sir Simon, hatten Sie früher Angst vor dem Wiener Publikum?
Simon Rattle: Warum hätte ich Angst vor dem Wiener Publikum haben sollen?
Falter: Ihren letzten Beethoven-Zyklus mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra haben Sie vor acht Jahren in ganz Europa präsentiert. Nur nach Wien sind Sie damit nicht gekommen.
Simon Rattle: Wir haben den Zyklus in Salzburg gespielt, das ist immerhin Österreich. Aber ehrlich gesagt: Wir wurden nicht gefragt. Beethoven-Zyklen sind in Wien nicht gerade eine Seltenheit, und deswegen ist so etwas auch eine Frage des Risikos, das die Veranstalter eingehen. Damals war das CBSO kein Orchester wie die Berliner oder die Wiener Philharmoniker, das jeder unter allen Umständen hören will. Aber wir sind ja trotzdem häufig hierher gekommen, meist mit zeitgenössischer Musik. Mir war es eben auch wichtig, etwas Neues in dieser Stadt zu machen, die doch als konservativ gilt.
Falter: Damals kamen Sie immer ins Konzerthaus, mittlerweile sind Sie vor allem im Musikverein zu hören. Wer entscheidet eigentlich, in welchem der beiden Häuser Sie auftreten?
Simon Rattle: Das ist eine Sache der Beziehungen. Die Berliner Philharmoniker zum Beispiel haben noch nie im Konzerthaus gespielt – was verrückt ist! Aber sie haben nunmal eine sehr lange Beziehung zum Musikverein und lieben dieses Haus. Natürlich sollten wir in beiden Häusern präsent sein. Zumal das Konzerthaus seit der Renovierung auch einen wundervollen Saal hat, der für viele der großen Stücke vielleicht sogar besser geeignet ist. Wissen Sie, genau wie die Wiener Philharmoniker jedesmal nervös werden, wenn sie in der Berliner Philharmonie spielen, so werden wir nervös, wenn wir im Musikverein auftreten. Nicht nur wegen des anderen Orchesters, sondern vor allem, weil die beiden Säle so ganz unterschiedliche Spielweisen verlangen. Wer auch immer dirigiert: Wenn die Berliner im Musikverein proben, herrscht erst einmal eine halbe Stunde lang komplettes Chaos. Wir sind es gewohnt, aufgrund der trockeneren Akustik in Berlin in voller Stärke spielen zu müssen. Hier berührt man die Saite und – der Klang explodiert. Darauf muss man sich jedesmal wieder neu einstellen.
Falter: Sie kennen beide Orchester sehr gut. Sind die Unterschiede wirklich so groß?
Simon Rattle: Sie sind enorm, auch wenn beide oft die selben Stücke unter den selben Dirigenten spielen. Das ist nicht mal so sehr eine Frage der unterschiedlichen Instrumente wie immer wieder gesagt wird, sondern des Zugangs, des Gehirns. Abgesehen davon, dass die Wiener immer sehr weit zurückblicken und die Berliner sehr weit voraus, ist der größte Unterschied der, dass die Wiener ein Opernorchester sind und die Berliner ein Sinfonieorchester. Für ein Opernorchester ist immer alles verhandelbar, existiert keine alleinige Wahrheit. Weil bei einer Opernaufführung jederzeit alles passieren kann, hat ein Opernorchester seine Stärken in der unmittelbaren Reaktion. Dafür fehlt es ihm wiederum an dieser soliden Masse, die die Menschen so anzieht.
Falter: Es heißt, die Wiener Philharmoniker hätten vor Ihrem Engagement in Berlin mit dem Gedanken gespielt, sich zum ersten Mal seit 1933 wieder einen Chefdirigenten zu wählen: Sie.
Simon Rattle: Ich hab auch von diesem Gerücht gehört, schließlich habe ich nach meiner Zeit in Birmingham vor allem hier in Wien gearbeitet. Aber als ich sie darauf angesprochen habe, bekam ich die interessante Antwort: "Wir dachten, Sie wären noch nicht bereit für die Freiheit, die wir Ihnen geben würden." Jedenfalls gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass ich jetzt in Berlin in einer idealen Situation bin. Ich war niemals, niemals glücklicher. Meine Frau meinte schon, ich würde noch unerträglich werden, wenn ich jeden Morgen dermaßen glücklich in die Arbeit renne. Wenn das ein Honey-Moon ist – möge er viele Jahre dauern.
Falter: Sie haben oft betont, wie wichtig Alfred Brendel für Sie und ihre Arbeit mit Beethoven war. Was hat er Ihnen denn gezeigt?
Simon Rattle: Dass es bei dieser Musik nicht darum geht, was sie sagt, sondern was sie bedeutet. Ihren Inhalt zu finden, ist wie Gold zu schürfen, man muss bei jedem Detail herausfinden, was es bedeutet, ohne dabei die großen Zusammenhänge aus den Augen zu verlieren. Ich glaube, Alfred hat mir vor allem Mut gemacht, bei dieser Suche immer noch weiter zu gehen. Naja, vielleicht bedauert er das schon, vielleicht gehe ich ihm mittlerweile zu weit.
Falter: Brendel hat sich schon 1987 begeistert über Sie geäußert. Sein einziger Vorbehalt war damals, dass Sie "zu viel Zeit mit Werken verschwenden", die er als "zweitklassig" betrachtet. An seinen Rat, sich mit "dem wirklich Lohnenden" zu identifizieren, haben Sie sich aber ganz offensichtlich nicht gehalten.
Simon Rattle: Kommt drauf an, was Sie als wirklich lohnende Musik bezeichnen. Alfred versteht einen sicherlich wundervollen, aber doch nur sehr kleinen Bereich der Musik als erstklassig. Alles andere ist ihm egal. Das kann ich nicht! Ich kann mich nicht auf eine so kleine Anzahl von Stücken beschränken wie Alfred. Aber er hat mir auch oft gesagt, dass er gerne mehr Stücke lernen würde, wenn es ihm seine Finger nur erlaubten. Er hat nämlich sehr wenig Talent zum Klavierspielen – er hat Genie. Er meinte einmal, technisch wäre es für ihn einfacher, Maler zu sein. Wussten Sie, dass er in der selben Woche, in der er sein erstes Recital in Wien gab, auch seine erste Ausstellung eröffnete? Er hat sich damals für das entschieden, was ihm schwerer fiel, aber das wird man niemals bemerken, wenn man ihn spielen hört.
Falter: Wenn auch aus anderen Gründen als Alfred Brendel, haben sich in den letzten Jahren immer mehr Musiker auf ein bestimmtes Repertoire spezialisiert. Sie sind da mit Ihrem breiten Programm fast schon eine Ausnahme.
Simon Rattle: Wir haben sehr viel von diesen Spezialisten gelernt, wir alle stehen auf ihren Schultern. Aber alles hängt mit allem zusammen, und ich kann mich wirklich nicht auf eine Art von Musik festlegen. György Kurtág sagte einmal, dass Strawinsky sehr stark von Haydn beeinflusst war, aber Haydn auch von Strawinsky. Ich verstehe sehr genau, was er damit meinte. Als Teenager habe ich von Pierre Boulez unglaublich viel über die zeitgenössische Musik gelernt und später von William Christie über die des Barock. Und es ist wunderbar, diese beiden großartigen Spezialisten jetzt als zwei der ersten Gastdirigenten in Berlin zu haben.
Falter: Haben Sie einen Lieblingskomponisten?
Simon Rattle: Nein. Oder eigentlich zu viele. So bin ich nun mal. Aber wenn Sie mich fragen, ob es einen Komponisten gibt, ohne den ich nicht könnte, wenn Sie mir sagen, dass ich nur noch diesen einen Komponisten dirigieren dürfte, dann wäre das Haydn. Ich weiß nicht, zu ihm habe ich eine ganz besondere Beziehung. Er ist auch derjenige unter den Komponisten der Vergangenheit, den ich am liebsten kennenlernen würde. Ich glaube, er wäre mein bester Freund.
Falter: Warum?
Simon Rattle: Weil er so viel vom Leben verstanden hat. Er schaffte es nicht nur, ein großartiger Komponist zu sein, sondern auch ein außerordentlich vollständiger Mensch, der immer auf dem Boden blieb. Ich liebe Haydns Bodenhaftung! Es gibt einen herrlichen Satz aus der Zeit, als er Englisch lernte, den er an eine seiner – ich glaube ziemlich vielen – Liebhaberinnen in England schrieb: „You can see, just from looking at my picture, that I am a nice sort of fellow.“
Falter: Haben Sie auch einen Favoriten unter den zeitgenössischen Komponisten?
Simon Rattle: Nein. Ich liebe einiges aus der zeitgenössischen Musik, schließlich habe ich da als Perkussionist begonnen. Und es gibt immer noch großartige Komponisten: Thomas Adès in England zum Beispiel, oder Magnus Lindberg in Finnland, die ganz erstaunliche Musik produzieren. Sicher haben wir eine Krise, aber die gabs doch immer.
Falter: Naja, der Musikbetrieb hat schon mal bessere Zeiten gesehen.
Simon Rattle: Wir werden neue Wege finden, damit umzugehen. Wir sind ein teures Business, es macht nicht viel Sinn, wenn wir zu achtzigst für 1500 Leute spielen. Es macht Sinn, wenn vier Rockmusiker in einem Stadion für 30.000 Leute spielen. Aber die ökonomische Logik ist schließlich nicht alles.
Falter: Sie haben dem jungen Österreicher Johannes Maria Staud einen Kompositionsauftrag für die Berliner Philharmoniker gegeben. Im Vergleich zu Adès, Lindberg oder den anderen, eher eklektisch arbeitenden Zeitgenossen, die Sie sonst spielen, ist der geradezu ein ultrastrenger Avantgardist.
Simon Rattle: Oh, seine Musik ist wirklich sehr streng konstruiert und sehr mitteleuropäisch. Für uns Engländer ist das unglaublich altmodisch, beinahe charmant altmodisch. Was Johannes schreibt, mag aus einer anderen Zeit sein, aber er hat ein fantastisches Ohr für den Klang, für Dramatik und für den großen Bogen, selbst wenn er in diesen kurzen, Webern-artigen Modulierungen schreibt. Obwohl ich glaube, dass derzeit die Musik interessanter ist, die aus Skandinavien oder aus Amerika kommt.
Falter: Ist Ihnen die mitteleuropäische Avantgarde zu unsinnlich, zu verkopft?
Simon Rattle: Vergessen Sie nicht: Ich komme aus einem Land, in dem das Wort eklektisch ein Kompliment ist, keine Beleidigung.
Falter: Man arbeitet hier eben permanent daran, die Tradition zu überwinden.
Simon Rattle: Ich glaube nicht daran, dass man Musik nach Manifesten schreiben kann. Die Vorstellung, dass nichts mehr so sein dürfe wie alles, was je zuvor geschrieben wurde, hat zehn Millionen Stücke hervorgebracht, die alle ganz genau gleich klingen.
Falter: Also ganz so schlimm ist es doch wirklich nicht, oder?
Simon Rattle: Sicher gibt es hier auch sehr viel Gutes. Stockhausen zum Beispiel, der schon als Twentysomething Musik genauso brillant analysiert hat wie James Joyces „Finnegan’s Wake“. Gab es jemals einen so außerordentlich intelligenten jungen Mann wie ihn? Seine „Gruppen“ sind eines der ganz großen Meisterwerke der Musikgeschichte. Aber mein Gott: Wenn jemand in diesem Stil schreiben möchte, dann sollte er mindestens so gut sein wie Stockhausen. Diese „Brave New World“ der Musik, in der man auf jede Tradition, auf jedes System, auf jede Harmonie verzichtet: Das ist wirklich die schwierigste aller Arten zu komponieren. Dafür muss man einfach ein Genie sein. Aber: Vive la difference! Ich werde mir immer die Musik aussuchen, die ich für gut halte, egal aus welchem Stil. Und es macht mir sehr viel Spaß, Werke von Elliot Carter und John Adams in ein und demselben Konzert aufzuführen – nicht zuletzt, weil ich weiß, dass das beide sehr irritiert. Wir brauchen beides. Wir brauchen immer beides.
Falter: Können Sie sich als Liverpooler wenigstens zwischen den Beatles und den Stones entscheiden?
Simon Rattle: Die Stones finde ich vor allem wegen ihrer Performances und ihrer anarchischen Energie interessant. Aber jeder Komponist wird Ihnen natürlich sagen, dass die Beatles harmonisch viel besser sind. Ich war jedenfalls eher ein Jazz- als ein Popfan. Die Tatsache, dass ich in der Nähe der Penny Lane aufgewachsen bin, ist nur ein komischer Zufall. Also, ich finde, wir brauchen sie beide. Obwohl: Die Stones brauchen wir eigentlich nicht mehr wirklich, seit sie über fünfzig sind.
 

RATTLE’S BEETHOVEN
Facettenreiche Verfeinerung

Sagen wir so: Was die Streif für Skifahrer ist oder Monte Carlo für Formel-1-Piloten, das sind Beethovens neun Sinfonien für Dirigenten und Orchester. Wer sich dieser rund 340 Minuten Musik annimmt, stellt sich nicht nur einem der komplexesten sinfonischen Gesamtwerke, sondern auch dem direkten Vergleich mit neunzig Jahren auf Tonträger dokumentierter Interpretationsgeschichte: Seit Arthur Nikisch und die Berliner Philharmoniker 1913 zum ersten Mal eine Beethoven-Sinfonie (die Fünfte) eingespielt haben, lässt sich an keinem anderen Beispiel der Wandel der unterschiedlichen Interpretationsansätze, Klangideale und Tempovorstellungen so fokussiert nachvollziehen und leidenschaftlich diskutieren – vom romantisch-pathetischen Ausdruck des 19. Jahrhunderts, wie er auch zu Nikischs Zeiten noch üblich war, über den von Herbert von Karajan forcierten Breitwand-Schönklang der Siebziger bis hin zu den Revolutionen der Originalklangbewegung um Nikolaus Harnoncourt und John Eliot Gardiner oder Ausnahmeerscheinungen wie Sergiu Celibidache.
Der "Streit" zwischen Berliner und Wiener Philharmonikern um den “wahren” Beethoven-Sound spielte dabei immer wieder eine zentrale Rolle. Während in Berlin auf Präzision in der Darstellung der Themenverarbeitung und klangliche Differenzierung der einzelnen Instrumentengruppen gesetzt wird, hält man in Wien an der lange gepflegten Amalgamierung der Klangfarben fest, die zu jenem himmlisch homogenen Wohlklang von samtigen Streichern und weichen Holzbläsern führt, für den das Orchester weltweit bekannt ist. Der Witz der neuen Beethoven-Neun mit dem Berliner Chefdirigenten und dem Wiener Orchester liegt nun vor allem darin, dass Rattle als erfahrener Originalklang-Dirigent großen Wert auf strukturelle Durchhörbarkeit und Transparenz der so oft im Schönklang verschleierten Themenverarbeitung legt – ohne jedoch den Wienern ihren spezifischen Klang zu nehmen. Was sich so ein bisschen paradox lesen mag, erweist sich tatsächlich als gelungene Synthese der besten Seiten beider Schulen – auf Kosten des rhythmischen Elans, der zurückhaltender ausfiel, als man es von Rattle erwartet hätte. Dessen Interpretation entwickelt sicher kein radikal neues Beethoven-Bild (wie das etwa John Eliot Gardiner 1994 gelungen ist); sie stellt vielmehr eine besonders facettenreiche und charmante Verfeinerung der Darstellung von Beethovens beeindruckendem Werkkomplex dar.
C.F.

Simon Rattle, Wiener Philharmoniker: Beethoven-Symphonies (EMI, 5 CDs).